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Linierer - die (fast) ausgestorbene Zunft

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Autor: Helmut Harhaus am 05.05.2017

Linierer Ekrem Pala mit einem linierten Modellbauteil. Foto: Helmut Harhaus

Was macht ein Linierer? Sie kennen sicherlich die feinen Zierlinien auf den Schutzblechen eines Fahrrads, oder die dekorativen Linien auf einem Motorradtank oder an Autos. Und wer noch eine alte Nähmaschine in Aktion erlebt hat, weiss auch, wovon die Rede ist.

Erfahren Sie mehr von dem anspruchsvollen Beruf des Linierers und von einem der letzten Linierer, der diese Kunst noch beherrscht und mit Leidenschaft ausübt. Der Kunst der ruhigen Hand und der des ruhigen Gewissens. Denn beides gehört bei diesem seltenen Handwerk zusammen.

Das Leben ist ungerecht, das wusste einst schon John F. Kennedy. Denn stellen wir uns den Fall vor, ein Tischler möchte sich selbständig machen. Bevor er den ersten Auftrag annehmen kann, muss er erst einmal rund 'ne halbe Million in Maschinen und die Werkstatt investieren. Viel einfacher hat es der startende Maler: ein paar Leitern, Eimer und Pinsel - und es kann losgehen. Und schauen wir uns nun den Linierer an, der hätte es noch einfacher - der bräuchte nicht einmal die Leiter....

Denkste!

Denn all das, was wir zuvor vergleichend aufführten, kann man kaufen. Ganz einfach für Geld. Und davon gibt es ja offensichtlich genügend - inzwischen fliessen ja nicht mehr die Millionen in EU-Töpfe, sondern es wird nur noch in Milliarden gescheffelt.

Doch das, was der Linierer braucht, kann man nicht für Geld kaufen! Es ist ein ganz hohes Gut, heute schon exklusiv: Geschick und Geduld - und die Liebe an der Arbeit und dem, was mit dem Handwerk erschaffen wird! Wir haben also den seltenen Fall, wo sich „Beruf" noch von „Berufung" ableitet und 'Geld nicht alles' ist...

Es war einmal...

Auf Nachfrage bei unserer Lackiererinnung winkte man nur ab: „Das war einmal..." Ausgebildet wird dieser Beruf schon lange nicht mehr und jemanden benennen, der das noch kann und macht, war auch nicht mehr möglich. Nach mehreren Anläufen fanden sich in ganz Deutschland keine 'Handvoll' mehr, die das Linieren gelernt haben und noch können. Linierern wird es möglicherweise bald so ergehen wie den 'Cap Hoorniers'; mangels Nachwuchs wurde die Bruderschaft der Seefahrer aufgelöst - der letzte nimmt die Fahne mit ins Grab.

Linieren von einem Tank

Linierer - Ein Beruf für Könner

Linierer gehörten früher mit zu den Maler-Berufen und -Innungen. Ihre Aufgabe war das Aufbringen von dekorativen Zierlinien auf 'technischem Gerät' - Dampfmaschinen, Nähmaschinen, später auf Autos, Motorrädern, Fahrrädern und Fahrzeugen aller Art, um deren Konturen zu betonen. Besonders bei grossen Maschinenbauteilen versuchte man durch die Linierung deren optische Wucht zu mindern. Das Erscheinungsbild wirkte filigraner, differenzierter.

Der Linierer, auch Linien- und Ränderzieher genannt, wird im Verzeichnis der in der Bundesrepublik offiziell anerkannten Berufe heute unter der Berufscode-Nummer 5127 unter den Metalllackierern geführt; jedoch nicht mehr Ausbildungs- und Prüfungsberuf.

Pinstriping in England und den USA

In England - dem Ursprung des Maschinenbaus - blühte diese Veredlung zu einer Kunstform auf: Pinstriping genannt (hergeleitet vom schmalen Streifen in Stoffen / Nadelstreifenanzug).

In den USA begann man in den frühen neunziger Jahren das Pinstriping wiederzuentdecken. Heute ist es eine beachtete Kunstform. Das Custompainting und die s.g. Lowbrow Art sind Sonderformen. Der Ursprung dazu liegt in der um 1940 entstandenen Hot Rod- und Custom Car-Szene, die als die einzige proletarische Kunstform seit der Bauernmalerei gilt. Geprägt wurde die Szene durch Einflüsse aus der mexikanischen Folklore, besonders der „Tag der Toten", „Lucha Libre-Wrestling" und christlich-religiöse Motive. Gut erkennbar sind auch Einflüsse vom Tikis aus Ozeanien, amerikanische Trivialmythen, traditionelle abendländische Tätowierungen und Comics.
Zurzeit gibt es in den USA etwa hundert Berufsstriper und eine Vielzahl von Amateuren. Die zweitgrößte Pinstriping-Nation ist Finnland mit etwa 200 Ausübenden. An dritter Stelle folgt Großbritannien.

Ein Handwerk mit hohem Anspruch verschwindet

Und alle fühlen sich dem hohen Anspruch dieses Handwerks verpflichtet. Hier zählt keine Computertechnik, kein CNC-Roboting.

Schlepper, spezielle Pinsel zum Linieren

Der Linierer legt die Linien und Motive ausschließlich in echter Handarbeit mit dem speziellen Pinsel, dem sogenannten Schwertschlepper, frei Hand an.

Die verwendeten Farben sind spezieller Art, etwas dickflüssiger als Spritzlacke, höher pigmentiert zwecks besserer Deckkraft . Sie basieren auf Kunstharz- oder Zweikomponenten-Basen.

pulverförmige Farbpigmente Farbpigmente mit 2-K-Lack anrühren

In USA gibt es noch Lackhersteller, die diese speziellen Produkte anfertigen, z.B. die Unternehmen OneShot oder HouseOfKolor. Auch bei den speziellen Pinseln wird man in den USA fündig: Schwertschlepper kommen von Mack; das Nürnberger Unternehmen Da Vinci DEFET GmbH hat auch noch welche im Angebot. Ansonsten sieht's düster aus, mit Werkstoffen und Werkzeugen für dieses Handwerk. Der Vollständigkeit halber muss noch erwähnt werden, dass es auch zum Pinsel alternatives Werkzeug in Form von Riffelrädern (Beuglerrad) gibt, mit denen man die Farbe auftragen kann - funktioniert aber nur bei Geraden und auf ebenen Flächen. Für kleine Radien und auf stark gewölbten Flächen gibt es keine Alternative zum Schwertschlepper - und zum Können des Ausführenden.
Bis etwa Mitte der 1950er Jahre beschäftigten viele Fahrzeughersteller erstlinig Frauen als Berufslinierer. Das BMW-Motorradwerk in Berlin-Spandau stellte das Linieren 2015 ein. Bei Fahrrädern wurde noch bis in die frühen 1990er Jahre liniert.

Besuch bei Ekrem Pala

Einer der letzten, der's noch gelernt hat und seit vielen Jahre ausübt, ist Ekrem Pala. Auch wenn seine Wurzeln auf dem Balkan liegen, er wurde 1979 in Berlin geboren - und ist somit ein waschechter 'Balina'; so berlinerisch, wie man sie sich nur vorstellen kann. Nach der Schule durchlief er eine Ausbildung zum Lackierer und graphischem Schriftenmaler. Dann las er 1997 eine Stellenausschreibung vom BMW-Werk in Spandau. Man suchte Air-brush-Lackierer. Und da auch eine Affinität zu schnellen Motorrädern vorhanden war, interessierte sich Ekrem Pala für diese Job-Anzeige. Doch beim Vorstellungsgespräch kam man schnell auf den Punkt: „Können Sie Linieren?" Und grad heraus, wie bei Berlinern üblich, kam die Antwort: „Wat denn - ikke soll linieren - ne, nie jemacht..." BMW hatte die Anzeige bewusst auf 'Spritzlackierer' getrimmt, weil man damals schon wusste, dass sich bei der Suche auf 'Linierer' keiner gemeldet hätte. Doch auch das Linieren interessierte den geschickten Handwerker. Und so ging er die zweite Lehre an.

Striche ziehen - die Zeit der Lehre

Er war der einzige Mann in der frauendominierten Abteilung und die lehrten ihn, wie's geht. „Ich hab' wochenlang nur versucht Striche zu ziehen - gleichmäßig breit und gerade. Das war gar nicht so einfach! Und als das so langsam klappte, wurden zwei Striche parallel zueinander gezogen - gleiche Stärke und gleicher Abstand. Damit gingen die nächsten Wochen ins Land..." erinnert er sich an seine Lehrzeit.

Mit freier Hand die Llinie ziehen Llinie

Um das zu können, bedarf es einer Begabung, um das aber durchzuhalten, braucht's Geduld und Ausdauer. „Oft kam ich abends nach Hause und konnte nur erzählen, dass ich den ganzen Tag Striche gezogen hatte, die man anschließend mit Verdünner wieder abgewischt hat. Das macht Frust!" Und das ist auch einer der Gründe, warum heute der Beruf des Linierers so unattraktiv ist: Kein Jugendlicher hat Lust darauf, drei bis fünf Jahre nur Striche zu ziehen, die keiner haben will - und das bei magerer Bezahlung. (Sollte jemand der Leser anderer Auffassung sein, mag er sich gerne bei Ekrem Pala melden. Gerne gibt er sein Wissen weiter!)

Selbständiger Linierer

„Es ist nicht die Hand, es ist der Geist, der völlig ruhig sein muss" - und als der Linierer Ekrem Pala das verinnerlicht hatte, linierte er so um die 40 Motorradtanks am Tag, Schutzbleche und Seitendeckel kamen am nächsten Tag dran - damit es nicht langweilig wurde. Doch bei BMW wurde das Linieren weniger. So fasste er den Entschluss zur Selbständigkeit: Ab 2008 linierte er 'auf eigene Rechnung'. Im pfälzischen Göllheim fanden die Palas ihr neues Zuhause, in einem ehemaligen Lebensmittelladen richtete er sich seine Werkstatt ein.

Linierwerkstatt von Ekrem Pala

Und auch hierbei kam der Künstler durch: das, was wie 'Wasserschaden' aussieht, ist so mit Farbe gestaltet - täuschend echt und mit rustikalem Charme.

Wer nun meint, solch ein Handwerker müsse sich auf seine Arbeit voll konzentrieren, sich ins stille Kämmerchen dazu zurückziehen, kennt Ekrem Pala nicht! Es scheint, die Hände ziehen die Linien von allein - losgelöst von allem. Denn während der Pinsel fließt, plappert die 'Berliner Schnauze' munter drauf los. Er erzählt von Kunden, die von weither anreisen, deren Privatflieger auf dem Flugfeld in Stuttgart warten, bis er diesen oder jenen Tank fertig hat; die auch mal kribbelig werden, wenn die Farbe noch nicht trocken ist, weil der Flieger nach Johannisburg eben nicht wartet.... „Die Kunden kommen inzwischen aus der ganzen Welt zu mir. Es ist aber auch kein Problem für mich, zu den Kunden zu fahren - egal, wo sie wohnen. Ich brauche nicht viel: Mit wenigen Pinseln und ein paar Döschen Farben im Gepäck kann ich überall arbeiten", so seine Philosophie. „Wenn irgendwo eine wertvolle, historische Maschine auf mich wartet, fahre ich eben dort hin".

Gefühl, Erfahrung, Können - und ein ruhiges Gewissen

Und tatsächlich sieht dieses, sein Handwerk, so ungemein einfach und simpel aus. Er nimmt eine Messerspitze Goldbronce-Pulver aus dem Döschen, mischt etwas klare Farbe dazu, so dass ein viskoser, starkpigmentierter Brei entsteht. Auf einer feinen Waage wird der Härter dosiert. „Der 2-K-Lack hat den Vorteil, dass er gegen so ziemlich alles resistent ist und deshalb nicht mit Klarlack überzogen werden muss", soweit erklärt er diesen Arbeitsschritt (siehe hierzu die Fotos weiter oben).

Geheime Ingredienzien Richtige Konsistenz prüfen Doch dann setzt er noch tropfenweise eine dritte Flüssigkeit hinzu - und das fällt nun unter 'Betriebsgeheimnis'.

Als nächstes sucht Ekrem Pala einen geeigneten Pinsel aus seinem Sortiment. Natürlich nur beste Qualität, mit Haaren vom Eichhörnchen, Dachs oder Marder - je nach Aufgabe. Der Pinsel wird mit der Farbe getränkt. Da die Schlepper überdurchschnittlich lange Haare haben, nimmt der Pinsel viel mehr Farbe auf als üblich. Damit können Linien bis einem Meter Länge ohne 'Nachtanken' gezogen werden. Aber so weit sind wir noch nicht. Zuerst wird der Schlepper auf einem Papier „geschlagen". Wie eine Schlange winden sich die Pinselhaare über's Papier. Dabei erkennt der Fachmann, ob die Konsistenz der Farbe richtig ist - nicht zu dünn, nicht zu dick, genügend deckend...
Schon hier ist Gefühl gefragt - und viel Erfahrung.

Doch dann geht's erst richtig los mit Können und Erfahrung: Wenn der Schlepper über das Werkstück geführt wird und eine Linie hinterlässt, wie mit dem Lineal gezogen!
Unglaublich, wie sich diese Linie entlang der Körperkanten und Konturen windet. Sie folgt, ohne Welle oder Delle, dem dreidimensionalen Untergrund. Schlängelt sich um den Kraftstoffbehälter oder um das Schutzblech. Nach ca. 50 cm ist der Pinsel leer und muss neu eingetaucht werden. Kurzes Einschlagen auf dem Testpapier und die Linie wird fortgeführt, als hätte es nie einen Absatz und Neuanfang gegeben...

linieren-tank-2-1149.jpg linieren-tank-3-1151.jpg

Das sieht so einfach aus - doch mir gelingt nicht einmal ein gerader Bleistiftstrich auf dem Zeitungsrand. Und wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass Ekrem Pala nicht einfach mit der Hand die Linie zieht. Es scheint, die Hand- und Armgelenke sind 'arretiert' und die Bewegung kommt aus der Schulter, ja, aus dem ganzen Oberkörper. Schonmal liegt auch nur die Hand auf dem kleinen Finger auf und der Pinsel mit dem winzig kurzen Griff wird lediglich mit einer Bewegung aus Daumen und Zeigefinger, die den Pinsel halten, gezogen. Ein anderes Mal bewegt die Linke, die das Werkstück hält, augenscheinlich das Werkstück unter dem Pinsel durch - - -

linieren-tank-5-1164.jpg exakte Linien

Was hier zählt, das ist eine ganz ausgefuchste Technik, eine ruhige Hand und hinter allem ein ruhiges Gewissen und eine ausgeglichene Seele. Das macht's aus, und das kann man eben nicht einfach kaufen!

Das Linieren - eine Berufung

Das Linieren ist für Ekrem Pala zur Leidenschaft geworden. Das ist nicht 'Arbeit', nicht irgendein 'Job'. Das ist Berufung pur. „Ich bin doch viel lieber in meiner Werkstatt und lasse Historisches wieder aufleben", siniert er, während der Pinsel flutscht, „an einem schön restaurierten Motorrad habe ich doch viel mehr Spaß, Freude und Genugtuung, als wenn ich vor dem Fernseher einschlafe oder beim Weinfest versaufe." Er lebt für die (Motorrad-) Lackiererei und für's Linieren. Das ist offensichtlich, denn für's 'Geld-scheffeln' ist dieser Job bei Ekrem Pala nicht geeignet. Rund 30.- Euro pro Meter Linierung berechnet er - ein Schutzblech kostet also rund 50.-, ein Tank so um die 80.- Euro. Das sind also keine Stundenlöhne, wie man sie von Managern oder Handwerkern, die 'was können, gewöhnt sind.

Pala ist heute nicht mehr nur auf BMW-Produkte fixiert, auch wenn die meisten Tanks und Schutzbleche das weiß-blaue Logo zieren. Zweiräder aller Art gehen durch seine Werkstatt. Sogar Motorräder mit Dampfantrieb - müsste man hier nun 'Dampfräder' richtiger weise sagen? - sind von ihm liniert und aufgehübscht worden. Liebhaber von altem Blechspielzeugen, Modellbauer von Dampfmaschinen oder Sammler antiker Nähmaschinen gehören zu seinen Kunden. Technik Museen wissen sein Können zu schätzen.

Llinierung

Ekrem Pala ist einer von drei oder fünf, die das Linieren in Deutschland können und noch machen. Und trotz dieser Exklusivität ist Ekrem Pala ganz der 'Handwerker' geblieben. Nicht abgedreht, nicht ausgeflippt, nicht auf Höhenflug. Weit entfernt von dem, was man 'Künstler' nennt - obwohl gerade er dieses Prädikat wie kaum ein anderer verdient hat.
Denn Kunst kommt von Können!
Sollte es jedenfalls...

Kontakt zum Künstler / Handwerker:
Ekrem Pala
Hauptstr. 20
67307 Göllheim
Tel: 06351 9999 051
Funk: 0177 797 888 2
Mail: linieren.pala@web.de
Web: www.linieren.de

Text und Fotos von Helmut Harhaus, www.harhaus.de

Dr. Heinz Bamberg Autor: Helmut Harhaus - Text und Fotos: Helmut Harhaus - Kölner Straße 27 - 42897 Remscheid - www.harhaus.de
Artikel veröffentlicht am 05.05.2017, Kommentar schreiben
Rubrik: Malerei.

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