Textil, Gewebe
Forum weben + in Kukate - Standortbestimmung Handweben
Über 200 zumeist professionelle WeberInnen trafen sich vom 4. - 6. September 2009 zu dem alle 4 Jahre stattfindenden Forum des Fördervereins weben+ auf dem renommierten Werkhof Kukate im Wendland.
Dieses Treffen dient zu Erfahrungsaustausch und Schulung in zahlreichen Workshops und Arbeitskreisen und in diesem Jahr vor allem einer Standortbestimmung des Handwerks Handweben in dieser hochindustrialisierten Zeit.
Selbstverständnis der WeberInnen
In seinem Impulsreferat zu Beginn der Veranstaltung präsentierte Dr. Jochen Kuhnen eine Diskussionsgrundlage für ein Selbstverständnis der WeberInnen, indem er das Verständnis von (Hand-)arbeit angefangen bei Karl Marx über Oskar Negt bis hin zu Richard Sennett und seinem aktuellen Buch ‚Handwerk' in einen sozio-politischen Kontext stellte. Leider hatten seine Ausführungen unter dem Ansturm des Windes auf das Veranstaltungszelt und dem Unwillen des Mikrofons, in seine Richtung zu zeigen, etwas zu leiden. Manchem Weber mag grundsätzlich ähnlich zumute sein, wenn er sein aufwändiges Arbeiten unter dem ökonomischen Druck betrachtet.
Die Frage nach dem Sinn einer solchen Tätigkeit, die sich nach Meinung des Referenten wie jedes ernstzunehmende Handwerk vor allem an den Maßstäben Nützlichkeit und hoher Qualitätsstandards ausrichten muß, erhielt von der Vereinsvorsitzenden Christine Groß eine praktische Antwort. Es sei vor allem eine sinnvolle Beschäftigung für die zweite Lebenshälfte, in der aufgrund des verlängerten aktiven Lebens besonders Frauen sich durchaus noch einmal auf das Abenteuer einlassen können, eine fundierte handwerkliche Ausbildung in Angriff zu nehmen.
Abgrenzung gegen Hobbyweber
Das Gesagte ließ durchblicken, dass sich die HandweberInnen vor allem gegen das Gros der Hobbyweber abzugrenzen versuchen. Hier liegt in der Tat ein grundsätzliches Problem. Für einen Laien ist der Schwierigkeitsgrad eines Gewebes schwer oder gar nicht einzuschätzen, dementsprechend bedürfen Preise häufig einer Erklärung. Gewöhnt an Druckwaren, Importe aus Billiglohnländern oder industriell gefertigte Stoffe entscheidet der Kunde oft nach Farbe und/oder Material, nicht jedoch nach Technik. Sinn für den Kunden ergibt ein bestimmtes Gewebe dann nur noch in seiner speziellen Anwendung, doch als WeberIn ist es schwer, sich selbst in der Fülle von Kissen, Westen, Schals oder Tischläufern ein unverwechselbares Profil zu geben und auf sich aufmerksam zu machen.
Ausstellung Quadrolog
Die flankierende Ausstellung zum Thema ‚Quadrolog der Materialien' zeigte faszinierende Beispiele für einen anwendungsfreien Umgang mit der Handwebkunst. Hier stand die Freude an Farbe und Materialien im Vordergrund, wenngleich sich auch hier eine gewisse ‚Technikverliebtheit' teilweise nicht leugnen lässt, wie dies wohl bei allen Leistungsschauen der Fall ist. Die Resultate waren jedoch allesamt wunderschön, und genauso wie bei den benachbarten Angeboten der Garn- und Zubehörhändler möchte man eigentlich am liebsten alles auf einmal haben.
Keine Handytaschen in Damast
Die Frage bleibt, ob die gewissen technischen Standards unterworfene Ausbildung zum Handweber nicht einem romantischen Bedürfnis einer bestimmten Generation nach anerkannter Handarbeit entspringt und somit eher Abgrenzung als Integration betreibt. Junge oder sehr junge Webinteressierte waren auf dem Forum nicht auszumachen. Es entstand ein wenig der Eindruck, dass es sich beim Handweben um eine äußerst ernste Rettung einer kulturellen Betätigung um ihrer selbst Willen handelt, und die am Farbkreis orientierten Musterbahnen der Weberklassen wirkten schön, aber bieder und austauschbar. Es gab keine Handytasche in Damast.
Das Handweben hat einen großen Retrocharme. Auf diese Nische kann man sich einstellen, auf den Trend sollte man sich dennoch nicht verlassen. Sonst macht das ganze keinen Spaß. Lachen musste ich nur bei einem einzigen Ausstellungsstück: dem Nadelkissen in der Ausstellungsreihe ‚Mein Kissen und ich'. Das hatte so etwas herrlich Subversives....
Weberklassen auf dem Werkhof Kukate
Der Werkhof Kukate beherbergt Weberklassen, die zu staatlich anerkannten Gesellen- und Meisterprüfungen führen. Außerdem ist hier die Geschäftsstelle des Fördervereins weben+ beheimatet, der für jeden Webinteressierten eine erste Anlaufstelle ist.
Umfangreiche Informationen sind unter www.webenplus.de bzw. www.werkhof-kukate.de einzusehen.
Kommentare & Anmerkungen
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Kommentare & Anmerkungen
Liebe Frau Ulanowski,
ich freue mich über Ihre Replik auf meine kleine Provokation :-)! Mir ist einfach ein wenig mulmig zumute bei dem ganzen Romantizismus, der das Handweben zu erfassen droht. Gerade das Weben als Keimzelle der Industrialisierung eignet sich nach meiner Meinung so überhaupt nicht für einen Lobgesang auf authentische Resultate einer selbstbestimmten Arbeit (der Einheit von Kopf und Hand). Vielmehr wird hier der Körper zu einem Teil einer Maschine im Rhythmus der Arbeit. Deshalb stehe ich dem auch in der staatlich anerkannten Ausbildung praktizierten Anspruch nach Ebenmäßigkeit, Feinheit, Raffinesse und Konsensdesign sehr kritisch gegenüber.
Diesen Anspruch, der die Notwendigkeit von Maschinen erst hervorgebracht hat, in der heutigen Lehre vom Handweben zu verankern, erscheint mir absurd. Eingedenk der Tatsache, daß das Einrichten von Webstühlen - also die Kopfarbeit - und das Produzieren der Waren - die Hand/Körperarbeit - häufig nicht von ein und derselben Person betrieben wurden. Diese Einheit ist ein Luxus, den nur wir heute oder Künstler sich leisten können.
Außerdem möchte ich nochmal in Erinnerung rufen, daß die Nachfrage nach komplizierten Mustern in feiner Ausführung bereits seinerzeit zur Erfindung von Maschinenzusätzen geführt hat, die man getrost als logische Vorläufer des Lochkartensystems und somit der Computerwelt bezeichnen kann.
Das Handweben macht in meinen Augen nur dann heute noch Sinn, wenn man sich nicht in Konkurrenz begibt zu den Maschinen, die dazu erfunden wurden, die eigene Arbeit effizienter zu bewältigen. Die Maschinen können das, und unsereins hat das Problem einer Rechtfertigung des eigenen Tuns. Der Kunde - wie gesagt - kann zwischen den beiden Welten nicht unterscheiden. Er möchte sein Geld ausgeben für etwas, das eine Maschine ihm nicht liefern kann, etwas mit einer individuellen Handschrift und einer Idee. Etwas mit einem 'Webfehler' - ein Synonym für nicht erbrachte Leistung. Doch nach wessen Maßstab?
Im Endeffekt ist dies eine Frage danach, worin sich Qualität von Handwebarbeiten ausdrückt. Im Produzieren von schönen, sinnvollen Dingen, oder in der Beherrschung von Techniken auch ästhetischer Art. Das Handweben ist in meinen Augen per se eine technische Angelegenheit und daher denkbar ungeeignet für eine romantische Selbstverortung à la 'Ich produziere meinen eigenen Ziegenkäse und kenne jede Geiß mit Namen'.
Ich glaube, das Problem professioneller WeberInnen besteht darin, sich durch einen Maßstab, den Maschinen besser erfüllen können, von der Anwendung des Webens als Freizeitbeschäftigung oder therapeuthischer Aktion abgrenzen zu müssen. Das ist nichts weniger als tragisch. Ich glaube auch, daß in der Weiterentwicklung einer Daseinsberechtigung für das Handweben weit weniger die Beherrschung der Technik ausschlaggebend ist als die Innovation der Anwendung. Kopf muß Hand führen. Denn wenn unsere Köpfe das nicht tun, tun es die Maschinen.
Das Weben ist - neben der Herstellung von Keramiken - wohl die archaischste Form von zweckgebundener Massenproduktion. Das ist so und läßt sich durch eine Ideologie der Authentizität, welche nur die Macher betrifft, heute nicht mehr neutralisieren.
Ich selbst verbinde Weben und Schreiben. Doch hätte ich das Schreiben nicht, würde ich nicht weben. In bezug auf das Schreiben macht das Weben für mich Sinn. Sonst wäre ich verloren in einer Handwerkswelt, die mir überkommen erscheint, weil sie sich in einer Weise auf einen vermeintlichen Zustand der Unschuld bezieht wie manche Ökologen das hiesige Ist nach der letzten Eiszeit als Maßstab für standortgetreue Gewächse postulieren. Dies alles ist zeitabhängig - wo mache ich den Schnitt und definiere das Wahre?
Es gab in der Ausstellung auch einen wunderschönen rosa Bettbezug, in dem ganz offensichtlich sehr, sehr viel Arbeit steckte. Nur - würde ich mich morgens in solch ein Bett setzen mit meinem Marmeladenbrot, meinem Teebecher und meinem schmutzigen Hund? Ehrfurcht vor der handwerklichen Leistung erzeugen zu wollen ist der erste Schritt dazu, nicht gekauft zu werden.
Ich stelle dies zur Diskussion und hoffe, daß es zahlreiche Kommentare gibt.
Viele Grüße von Karin Sennheiser.
Liebe Frau Sennheiser,
mich beschleicht der Gedanke, dass Sie die Ausstellung der Gesellenstücke und die Jacquard-Kunst von Frau Heindl im Hauptgebäude gar nicht gesehen haben...
Das ist schade, denn dann kann natürlich der Eindruck entstehen, dass Handweberei altbacken und langweilig ist.
Mit Sicherheit geht es niemandem darum, den Industriemaschinen nachzueifern, aber solides Handwerk, das die Grundlage für gutes designorientiertes oder auch künstlerisches Weben ist, lernt man eben nur durch das Tun, und das ergibt dann eben, je nach Aufgabenstellung, Musterbahnen in bunten Farbkombinationen oder einen Satz Bettwäsche (ebenfalls eine Semesterarbeit aus der Ausbildung).
Ich war mal in einer Goldschmiedewerkstatt, wo ein Lehrling an einem Ring gefeilt hat. Da sagte der Meister: "Das macht er jetzt seit zwei Wochen". So einen Ring kann man wahrscheinlich in ein Paar Minuten mit einer Maschine herstellen. Spricht das gegen eine handwerkliche Goldschmiedeausbildung?
Mich ärgern sogenannte Designer, die ihrer schlampigen, unsauberen Arbeit den Stempel des besonderen, handgemachten aufdrücken und versuchen, es teuer zu verkaufen. Das geht auch nicht. Es muss halt beides zusammenkommen, Kunst und Handwerk. Das sagt ja auch schon der Begriff "Kunsthandwerk" (Obwohl ich lieber den Begriff des "Gestaltenden Handwerks" benutze, aber das macht jetzt ein ganz neues Fass auf).
Viele Grüße,
Katja Ulanowski
Liebe Frau Ulanowski,
ich stimme Ihnen absolut zu, daß unsauberes Handwerk nicht durch den Anspruch an 'Design' vertuscht werden darf. Andererseits sehe ich die Gefahr, daß eine stark formalisierte Ausbildung wiederum kreative, junge Köpfe abschreckt. Wie in allen Dingen, ist dies vermutlich eine Frage der Balance.
Insofern wollte ich mich in meinen Bedenken nur auf die versuchte Standortbestimmung beziehen. Daß es darüber hinaus außerordentlich kunstvolle und schöne Dinge zu betrachten gab, steht außer Frage.
Viele Grüße,
Karin Sennheiser.
Liebe Frau Sennheiser,
mit großem Interesse habe ich ihre Ausführungen zum Handweben gelesen. Ich selbst bin Weberin und stelle mir immerwieder die Frage, wie kann ich mein erlerntes Handwerk so zeitgemäß vermarkten, dass nicht die Aussage der Kunden kommt:"Das ist ja viel zu schade zum Benutzen".
Man sollte auch den Mut haben, mit Materialien und Techniken zu arbeiten, die nicht traditionell dem Weben zugeordnet werden; die handwerklichen Fähigkeiten sozusagen als Basis für neue Produkte nutzen.
Viele Grüße
Edith Bäßler
Autor: Karin Sennheiser
Liebe Frau Sennheiser,
vielen Dank dass Sie Ihre Beobachtungen auf den Forum weben + mit uns teilen. In der Grundtendenz stimme ich Ihnen sogar zu ("Retrocharme"). Zu den am Farbkreis orientierten Musterbahnen der Weberklasse aus dem ersten Ausbildungsjahr muss ich allerdings sagen, dass die Aufgabe sehr genau definiert war und es um das Mischen von Farben nach ganz bestimmten Regeln ging. Handytaschen in Damast waren leider nicht gefragt.
Übrigens webe ich gelegentlich Handytaschen aus Plastiktüten oder Paketschnur...
Viele Grüße,
Katja Ulanowski